
Das Scherbengericht
Um jenen Neid zu besänftigen...
DER INNERE MENSCH
Themistokles heißt er, dieser Held; Themistokles, Sohn des Neokles.
Vollblütiger Athener ist er nicht, doch ausreichend Blut hat er für das Wohl seiner Polis vergossen. Und nun ist sein Name, trotz seines bescheidenen Ursprungs, untrennbar mit der Geschichte Athens verbunden.
Themistokles ist der Sieger von Salamis und der Bezwinger der Perser. Man könnte leicht glauben, dass er Poseidons Liebling sei: Seine Kriegsflotte herrscht über das Mittelmeer, und Athen genießt das Privileg, Anführer des Attischen Seebundes zu sein.
Hier sitzt er, dieser Mann, dessen Wagemut und strategische Intelligenz Athen vor dem sicheren Untergang bewahrt haben, und jetzt wird sein Schicksal von seinen Landsmännern bestimmt. Tonscherben werden an alle Anwesenden verteilt, jeder ritzt einen Namen ein. Die Mehrheit schreibt „Θεμιστοκλῆς“. Das Scherbengericht hat gesprochen: Themistokles wird verbannt. Nun darf er seine Heimatstadt zehn Jahre lang nicht betreten.
Warum wurde er zum Opfer des Ostrakismos?
Plutarch scheint in seinem Werk ‚Das Leben des Themistokles‘ die richtigen Worte gefunden zu haben, um diese Frage zu beantworten: „… die Verbannung war keine Strafe, sondern ein Mittel, um jenen Neid zu besänftigen, der sich daran ergötzt, die Herausragenden zu demütigen …“
Es scheint, dass die Mitbürger des Themistokles seines Ansehens neidisch waren. Sie verleumden ihn, um seinen Ruf zu schädigen. Sie hinterfragen seine Loyalität gegenüber der Polis Athen. Sie beschuldigen ihn strategischer Fehlentscheidungen im Perserkrieg.
Sparta, der wachsende Feind Athens, mischt sich ebenfalls ein und versucht, Themistokles wegen Hochverrats anzuklagen – denn ein Athen ohne Themistokles ist ein schwaches Athen.
Schlussendlich wird Themistokles nicht nur verbannt, sondern muss auch fliehen. Die Athener wollen ihn nicht nur loswerden, sie wollen sein Leben.
Er wird nie wieder in seine Heimat zurückkehren.
Themistokles wurde von Athen bewundert, gleichzeitig aber auch beneidet.
Antike Historiker beschreiben ihn als Genie. Sie versuchen, die Bewunderung für seine strategische Brillanz in ihren Texten durchklingen zu lassen. Sie versuchen, den Neid aufzufassen, der in den aristokratischen Straßen der Stadt schwillt.
Einzig Sparta beneidet Themistokles nicht. Sparta bewundert ihn und weiß, dass Athen mit ihm zu stark ist.
Doch die Athener verbannen den Bezwinger der Perser – um jenen Neid zu besänftigen, der sich daran ergötzt, die Herausragenden zu demütigen.
Ich sehe Athen im Jahr 471 vor Christus als Symbol: Neid zerstört.
Neid ist jener Übeltäter, der dem Menschen jegliche Fähigkeit raubt, in den Errungenschaften anderer Inspiration zu finden. Er entreißt dem Menschen seine Nächsten, indem er die tiefsten Unsicherheiten ans Licht des Bewusstseins rückt. Er ist, so komisch es auch klingt, ein Schutzmechanismus. Ein Schutzmechanismus, der den Stolz hütet und auf wundersame Weise den Menschen dazu verleitet, die Personen und Taten zu verachten, die er eigentlich bewundern, ja sogar nachahmen möchte.


Ein Ostrakon bezeugt: Themistokles, Sohn des Neokles, wird verbannt. (Quelle: worldhistory.org)


Einst der Bezwinger der Perser; nun nur noch Verbannter: Themistokles (Quelle: Wikipedia)
Ich sehe Athen im Jahr 471 vor Christus und spüre, wie einige Fragen in mir hochkommen:
Auf welche Weise gleiche ich den Athenern?
Auf welche Weise fließt Neid in den Straßen meines Herzens?
Dann eine unangenehme Frage:
Wie viele Personen habe ich schon aus meinem Leben verbannt – ohne Gericht, ohne Urteil – weil Neid in mir Halt gefunden hat und mein Herz kalt werden ließ?
...und selbstverständlich würde ich niemals zugeben wollen, dass Neid der Auslöser der Verbannung gewesen ist. Nein, vermutlich würde ich ein paar Ausreden erfinden, wie es die Athener ebenfalls getan haben.
Und dann, eine letzte Frage:
Was kann ich dagegen tun?
***
Die athenischen Kriegsschiffe sind Herrscher des Mittelmeers.
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Coren McGirr
Autorenprofil:


Schreibt seit 2022.
Liebt das Philosophieren.
Glaubt, dass jede Frage gestellt werden muss.
Wird von Gedanken, Gesprächen und Erlebnissen inspiriert.
Projektprofil:
Der Carnuntiner


Mark Aurel hatte mit diesen Worten wohl Recht.
"Der Carnuntiner" fasst diesen Gedanken auf und ringt mit den wichtigen Fragen des Lebens.

"Die Kunst des Lebens gleicht eher dem Ringen als dem Tanzen."
Es ist das Jahr 471 vor Christus. Die Szene, die sich auf der Agora, dem Hauptplatz Athens, abspielt, könnte direkt aus einem griechischen Drama entnommen sein.
Ein Held steht vor Gericht.






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