gray stone formation during daytime

Die Fallgrube der Voreingenommenheit

Nichts zu beweisen, alles zu lernen

DER INNERE MENSCH

Coren McGirr

6/28/20256 min lesen

Ich liebe Mango-Eis.

Warum ich es liebe, weiß ich nicht ganz genau.

Ich könnte natürlich versuchen, euch zu erklären, warum ich Mango-Eis allen anderen Sorten vorziehe. Beispielsweise könnte ich sagen, dass es besonders erfrischend und geschmacksintensiv ist. Ich könnte erzählen, dass mich seine dunkelgelbe Farbe an Sonnenblumen im Hochsommer erinnert, oder dass seine süße Creme durch eine sanfte Honignote verfeinert wird und sich dadurch von den anderen Sorten abhebt.

So könnte ich versuchen, meine Vorliebe für Mango-Eis zu rationalisieren.

Aber eigentlich verstehe ich nicht ganz, warum ich es mag.

Jeder Grund, den ich nenne, ist eine von mir nachträglich konstruierte Erklärung. Es wäre nicht: „Diese rationalen Gründe haben mich überzeugt und deswegen liebe ich Mango-Eis.“ Es wäre viel eher: „Ich liebe Mango-Eis, und jetzt versuche ich zu erklären, warum.“

Ich könnte auf kein Merkmal von Mango-Eis deuten und sagen, dass das der Grund für meine Überzeugung sei. Dafür gibt es nämlich keinen rationalen Grund. Es ist einfach das Beste, und niemand kann mich von dieser Meinung abbringen.

Ist es nicht wahr, dass alle von uns solche Vorlieben haben?

Ist es nicht wahr, dass wir unsere Vorlieben eigentlich nicht erklären können?

Wir haben sie einfach.

Wir können natürlich versuchen, unsere Präferenzen im Nachhinein zu rationalisieren, aber das bedeutet nicht, dass sie im Vorhinein rational gebildet wurden. Sie sind schlicht und einfach so, wie sie sind.

Und solche Vorlieben sind etwas Wunderschönes. Obwohl wir sie uns nicht erklären können, tragen sie zu unserer Einzigartigkeit bei.

Manche spielen gerne Fußball, andere bevorzugen Darts. Manche sind Barcelona-Fans, andere Bayern-Fans. Andere wiederum interessieren sich überhaupt nicht für Sport.

Barcelona-Fans können zwar rationale Gründe für ihre Entscheidung auflisten, aber tatsächlich hat sich zuerst die Vorliebe für ihre Mannschaft entwickelt. Jeder rationale Grund, diese Entscheidung zu untermauern, wurde erst im Nachhinein erfunden. Nie würde es einem Barcelona-Fan gelingen, einen Bayern-Fan zu den eigenen Reihen zu gewinnen. Der Entschluss, Bayern-Fan zu sein, wurde nicht rational gefasst, folglich kann diese Meinung auch nicht auf rationale Weise geändert werden.

Ich glaube, dass dieses Denkverhalten sehr menschlich ist. Wir bilden zuerst eine Meinung und dann versuchen wir, sie zu begründen.

Bildlich können wir uns diesen Prozess so vorstellen: Wir bauen unser Traumhaus genauso, wie wir es haben möchten, und dann, erst wenn alles abgeschlossen ist, versuchen wir, nachträglich ein solides Fundament darunter zu errichten.

Jeder Bauunternehmer würde jetzt hoffentlich vermerken, dass es äußerst unklug wäre, ein Haus auf diese Weise zu errichten. Man würde ja gewöhnlich mit einem festen Fundament beginnen und erst dann weiterbauen. Nie würde man mit dem Dachgeschoss anfangen.

Aber so sind wir Menschen halt. Wir bilden eine Vorliebe, eine Meinung oder eine Anschauung und errichten dann für diese ein rationales Fundament, damit unsere Meinung stehen kann.

Solange wir dies nur bei Eissorten, Lieblingsfilmen, Musikbevorzugungen und anderen eher konsequenzarmen Themen machen, geht das auch völlig in Ordnung.

Wann geht es aber nicht in Ordnung?

Bei wichtigen Themen.

Bei wichtigen Themen ist unsere Voreingenommenheit eine Fallgrube. Eine Fallgrube, in der wir gefangen werden, und kaum ein Diskurs, kaum eine Rationalität, kann uns aus ihren Tiefen befreien.

Wenn ich lebensbestimmende Weltansichten nicht auf rationalem Diskurs und auf eine aufrichtige Suche nach der Wahrheit, sondern auf voreingenommene Präferenzen basiere (wie bei meiner Liebe zu Mango-Eis), treten große Probleme auf.

Was passiert beispielsweise, wenn ich auf meine politische Ideologie komme, ohne dabei rationale Gedankenwege verfolgt zu haben und sie stattdessen auf Präsuppositionen aufgebaut habe? Wäre das nicht wie das Haus, das ohne Fundament errichtet wurde? Würden nicht jeglicher Diskurs und jegliche Rationalität fehlen, um meiner Ideologie Standfestigkeit zu verleihen?

Was passiert, wenn ich meine politische Meinung nicht durch tiefgründigen rationalen Diskurs und feinfühliges Erwägen von Prinzipien erworben habe, sondern ohne zu hinterfragen dem breiten Strom gefolgt bin? Und nachdem ich von dieser Meinung stark überzeugt bin, erfinde ich rationale Gründe, mit denen ich mir selbst meinen Standpunkt erklären kann. Doch wahrlich überzeugt haben mich diese Gründe nicht, denn durch sie kam ich nicht zu meinem Entschluss. Sie sind eher eine Selbsttäuschung.

So kann es schnell passieren, dass ich an eine politische Ideologie glaube, deren Fundament rational unvertretbar ist – deren Fundament ICH nicht vertreten kann. Und trotzdem glaube ich an sie.

Was würde dann passieren, wenn meine politischen Ansichten hinterfragt werden? Antworten wären von mir erwartet, doch was soll ich sagen? Diskurs und Überlegung haben mich nicht zu meiner Meinung geführt, und deswegen bringen Diskurs und Überlegung meine Ansicht zum Zerfallen.

Was passiert also, wenn wir unsere Meinung zu wichtigen, lebensbestimmenden Themen auf Voreingenommenheit beruhen? Was passiert, wenn wir zuerst das Haus bauen und nachträglich versuchen, ein Fundament zu errichten?

Eis ist gut. Mango-Eis ist himmlisch.

Das Fundament wird zuerst gebaut
Das Fundament wird zuerst gebaut

Ein solides Fundament: Bei Häusern ist es das um und auf; bei Meinungen trifft man es eher selten an.

Mehrere Sachen geschehen. Jede einzelne davon hat potenziell katastrophale Folgen.

1. Ich führe mich selbst in die Irre. Denn ich versuche mich davon zu überzeugen, dass das Fundament standfest ist und mich überzeugt hat, das Haus meiner Meinung zu bauen. Dabei war meine Meinung bereits vorhanden, bevor ich nach rationalen Gründen geforscht habe. Warum es gefährlich ist, sich selbst in die Irre zu führen, kannst du hier lesen: Ephialtes, der Verräter.

2. Rationaler Diskurs wird ein Ding der Unmöglichkeit. Sollte jemand die Schwäche meines Fundaments aufzeigen, beginnt mein Haus schnell zu zerbröckeln. Ich muss entweder zugeben, dass mein Fundament nachträglich errichtet wurde, oder ich muss meine Ansicht mit allem, was ich habe, verteidigen.

3. Ich raube mir jede Möglichkeit des Wachstums. Wachstum ist nur möglich, wenn ich bereit bin, etwas Neues zu lernen und zu erkennen, dass ich in meinem Verständnis einer Sache falsch gelegen habe. Wenn ich das Haus voreilig gebaut habe und mein nachträgliches Fundament durch rationalen Diskurs zertrümmert wird, zerfällt alles. Selten gelingt es einem Menschen, eine solche Dekonstruktion demütig hinzunehmen. Deswegen beharren wir lieber auf unserer Meinung, auch wenn sie als falsch erwiesen wurde.

Meine Beobachtung ist Folgendes:

Wir wollen nicht die Wahrheit finden, sondern recht haben.

Diese Voreingenommenheit trifft nicht nur auf politische Meinungen zu: Kaum ein lebensbewegendes Thema bleibt davon unberührt.

Diese Beobachtung lässt etliche Fragen in mir aufkommen:

Wie sehr beeinflussen Präsuppositionen mein Weltbild?

Welche Rolle spielen sie in meinem Glauben?

Wie prägen Präsuppositionen meine Werte?

Wie bestimmen sie meinen Alltag?

Welche Bereiche meines Lebens werden von Präsuppositionen gestützt, ohne, dass ich mir dessen bewusst bin?

Diese Fragen sind herausfordernd.

Ihre Antworten sind unangenehm und erfordern eine innere Veränderung bei mir.

Ich ringe mit ihnen.

Ich ringe mit ihnen, damit ich nicht versuche, der Welt zu beweisen, dass meine Voreingenommenheit wahr ist.

Ich ringe mit ihnen, damit ich die Chance, meine Voreingenommenheit zu überwinden, nicht verliere.

Denn ich habe nichts zu beweisen und alles zu lernen.

***

Was bleibt übrig, wenn die voreingenommene Meinung zertrümmert wird?

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Coren McGirr

Autorenprofil:

  • Schreibt seit 2022.

  • Liebt das Philosophieren.

  • Glaubt, dass jede Frage gestellt werden muss.

  • Wird von Gedanken, Gesprächen und Erlebnissen inspiriert.

Projektprofil:

Der Carnuntiner

Mark Aurel hatte mit diesen Worten wohl Recht.

"Der Carnuntiner" fasst diesen Gedanken auf und ringt mit den wichtigen Fragen des Lebens.

"Die Kunst des Lebens gleicht eher dem Ringen als dem Tanzen."

„Allzu oft versuchen wir, der Welt zu beweisen, dass unsere Präsuppositionen wahr sind. Dabei verlieren wir allerdings jegliche Chance, unsere voreingenommenen Meinungen, durch Beobachtung der Welt, zu überwinden.“

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