Eine Frage der Authentizität

Die Überzeugung des Guten

DER INNERE MENSCH

Coren McGirr

2/24/20265 min lesen

All jene, die ein gutes Leben führen möchten – eines, geprägt von Ehrlichkeit, Tugendhaftigkeit, Beherztheit und Selbstlosigkeit – müssen einsehen, dass bei diesem Unterfangen das Streben nach Authentizität von größter Bedeutung ist.

Ohne Authentizität verleugnet man Teile seines Selbst. Man erniedrigt sich zur Rolle eines Schauspielers und verwandelt sein Leben in ein Theaterstück. Viele wichtige Bausteine des Lebens verwelken zu bloßen Hüllen dessen, was sie tatsächlich sein könnten.

Freundschaften, Leidenschaften, Überzeugungen, Liebe, ja sogar gesprochene Worte verlieren an Bedeutung, wenn sie unauthentischen Beweggründen entspringen.

Kurz zusammengefasst, lässt sich Authentizität so beschreiben:

Authentizität ist die Unverfälschtheit des Charakters und der persönlichen Überzeugungen sowie deren Verwirklichung mittels Wort und Handlung (griech. authentikos = unverfälscht).

Das zentrale Merkmal der Inauthentizität wiederum ist Folgendes:

Eine Handlung wird durchgeführt, ein Wert wird verkörpert, ein Wort wird gesprochen, nicht weil diese Handlung, dieser Wert oder dieses Wort als ehrlich, wertvoll und wahr empfunden wird, sondern weil sie als Instrument dient, um etwas anderes zu erlangen, das nicht offenbart oder ausgesprochen wird.

Unauthentische Freundschaften werden nicht als in sich wertvoll empfunden. Sie sind ein Mittel, um etwas anderes zu erreichen.

Unauthentische Leidenschaften sind keine echten Leidenschaften, sondern vielmehr Handlungen, die „ertragen“ werden müssen, um ein Ziel zu erreichen.

Unauthentische Überzeugungen sind keine wahren Überzeugungen, sondern fabrizierte Werte, die aufgrund eines anderen Zwecks angeeignet wurden.

Unauthentische Liebe ist keine wahre Liebe, sondern eine vorgetäuschte Zuneigung.

Unauthentische Worte sind kaum anders als auswendig gelernte Skripte, von anderen oder sogar von einem selbst verfasst und dann verinnerlicht.

Zusammengefasst: Bei der Inauthentizität spielen die Handlung, der Wert und das Wort immer nur eine instrumentelle Rolle, die von der unauthentischen Person nicht offenbart wird.

Die ‚Nichtoffenbarung‘ spielt dabei eine wichtige Rolle. Beispielsweise wäre es authentisch, wenn ich Krafttraining mache, um stärker zu werden und Verletzungen vorzubeugen – auch wenn ich das Training hasse. Unauthentisch verhalte ich mich erst, wenn ich behaupte, dass ich ins Gym gehe, weil ich es liebe und noch mehr trainieren würde, wenn sich mein Körper schneller erholen könnte, obwohl ich in Wahrheit den Trainingsprozess absolut nicht leiden kann.

Nun, an dieser Stelle muss kurz angemerkt werden, dass dies bisher eine recht harte Verurteilung der Inauthentizität war. Das mag wohl so erscheinen, jedoch ist es wichtig zu erkennen, dass Inauthentizität vermutlich auf zweierlei Weisen auftreten kann.

Erstens, als manipulative Machthandlung.

Zweitens, als nötige Schutzeinrichtung.

In beiden Fällen ist dieselbe Inauthentizität am Werk.

In beiden Fällen werden Werte, Handlungen und Worte instrumentell eingesetzt, und die Folgen dieser werden den Prinzipien, auf denen sie beruhen, vorgezogen.

In beiden Fällen kann die Inauthentizität als absichtliche Handlung oder als unbeabsichtigte, automatische Reaktion auftreten.

In beiden Fällen wird aus verschiedenen Gründen ein Teil des Selbst verleugnet. Und beide Fälle machen eines so gut wie unmöglich: ein gutes Leben zu führen, geprägt von Ehrlichkeit, Tugendhaftigkeit, Beherztheit und Selbstlosigkeit.

Biker-Gang
Biker-Gang

Kleinkinder sind Meister der Authentizität. Baby-Coren war vermutlich authentischer als Erwachsener-Coren.

Authentisch cool
Authentisch cool

Die Authentizität hat ihre Risiken. Zahlt es sich wirklich aus?

Ich sehe natürlich ein: Authentizität ist gewagt. Sie ist vulnerabel.

Wie viel schmerzhafter ist es, sich authentisch zu zeigen und dann abgewiesen zu werden, als in seiner Schauspielrolle zu bleiben? Immerhin wird im zweiten Fall nicht die Person selbst abgewiesen, sondern vielmehr der Charakter, den sie spielt.

Wie viel einfacher ist es, sich selbst davon zu überzeugen, dass man etwas nicht erreichen möchte – wie etwa Aesops Fuchs – als mit allen Belangen dem Ziel nachzueifern, nur um dann zu kurz zu leer auszugehen?

Im Grunde genommen ist Inauthentizität eine Art Schutzeinrichtung – eine Burg. Und sie schützt tatsächlich gut – vor Verletzungen der Identität und des Stolzes, vor Verachtung und Scham, vor Unsicherheiten etc.

Aber die Inauthentizität hat auch ihren Preis.

Dieselben Burgmauern, die Angriffe abwehren, bilden zugleich eine Gefängniszelle.

Dasselbe Skriptum, das dem Publikum vorgetragen wird, überzeugt mit der Zeit den Schauspieler selbst.

Die angeeigneten Werte werden schnell nicht mehr nur gespielt, sondern wahrhaftig verkörpert.

Der Preis der Inauthetizität ist dieser:

Nie entdeckt man sich selbst. Stattdessen wird man selbst von seinen eigenen Schauspielkünsten überzeugt und vergisst, dass man einst nur die Rolle gespielt hat; jetzt lebt man sie. Das wahre „ich“ geht verloren. Es taucht im Theaterstück unter und verschwindet inmitten der Kostüme, Masken und Zuflüsterungen des Souffleurs.

Wenn ich Authentizität mit wenigen Worten zusammenfassen müsste, so wären es diese:

Die Authentizität ist hoffnungsvoll.

Sie glaubt an das Gute im Menschen.

Sie ist die Überzeugung vom Guten und vom Selbst.

Sie nimmt das Risiko von Vulnerabilität in Kauf, um zu wachsen.

Sie ist unumstritten eine der reinsten Formen der Stärke.

Was ist also die Conclusio zu diesem ganzen Thema?

Authentizität ist unglaublich wertvoll.

Ich möchte die Momente schätzen, in denen ich ehrlich und authentisch mit mir selbst sein kann. Ich möchte versuchen, diese Momente öfter hervorzulocken.

Ich möchte die Menschen in meinem Leben schätzen, denen ich mich authentisch zeigen kann, ohne Maske, ohne Schauspiel. Denn das ist etwas unendlich Wertvolles.

***

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Coren McGirr

Autorenprofil:

  • Schreibt seit 2022.

  • Liebt das Philosophieren.

  • Glaubt, dass jede Frage gestellt werden muss.

  • Wird von Gedanken, Gesprächen und Erlebnissen inspiriert.

Projektprofil:

Der Carnuntiner

Mark Aurel hatte mit diesen Worten wohl Recht.

"Der Carnuntiner" fasst diesen Gedanken auf und ringt mit den wichtigen Fragen des Lebens.

"Die Kunst des Lebens gleicht eher dem Ringen als dem Tanzen."

Vermerk des Autors: Die in diesem Text präsentierten Informationen beruhen auf eigenen Gedankengängen, Beobachtungen und Selbstbetrachtungen. Dieser Text ist nicht präskriptiv, sondern rein deskriptiv und wurde nicht mit der Absicht verfasst, Handlungen und Zustände zu verurteilen. Vielmehr ist er ein bescheidener Versuch, das Thema „Authentizität“ aufzugreifen und auf möglichst verständlicher Weise zu präsentieren.

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