
Packesel
Welche Lasten tragen wir?
DER INNERE MENSCH
Die Sonne brennt mir auf den Nacken.
Ich stütze mich auf meinen Wanderstock und hebe den Blick zum Berggipfel.
Noch weit entfernt liegt er – viel zu weit.
An meiner linken Hand bildet sich eine Blase; in meinem rechten Fuß sticht etwas.
Einzig meine Schultern schmerzen nicht. Dabei ist mein Rucksack randvoll gepackt.
Vielleicht sind meine Schultern einfach daran gewöhnt, große Lasten zu tragen. Schließlich war meine Schultasche auch immer wie mit Steinen angefüllt.
Ich bin wohl zu einem Packesel geworden.
Ich steige weiter Richtung Gipfel. Meine Gedanken wandern ebenfalls weiter.
Wasser, ein Haufen Essen, eine Regenjacke, ein Schlafsack und extra Gewand – das alles schleppe ich diesen Berg hinauf und ich spüre es nicht einmal. Naja, das stimmt nicht ganz: Nur in den Schultern spüre ich es nicht – meine Beine hingegen …
Im Gebüsch neben mir zwitschert ein Vogel. Er flattert die Flügel, fliegt hoch über meinen Kopf und verschwindet im blendenden Sonnenlicht.
Eine Frage drängt sich in mir auf:
Was ist, wenn ich weitere Lasten wie diesen Rucksack trage?
Lasten, die ich schon so lange am Rücken habe, dass ich sie kaum mehr spüre, und deren Gewicht mich dennoch erdrückt?
Meine Brust schnürt sich zu.
Ich bücke mich und hebe zwei kleine Steine auf.
Zwei Lasten, die ich trage – die werde ich wohl finden können.
Ich lass die Steinchen in meiner Hand klimpern.
… Die Ungewissheit der Zukunft. Die belastet mich auf jeden Fall.
Ich halte den ersten Stein hoch und betrachte ihn.
Ja, das Ungewisse ist schwierig zu bewältigen. Es löst eine ganz bestimmte Angst in mir aus. Eine, die mich dazu verleitet, immer über die Schulter des gegenwärtigen Moments zu blicken. Was wird als Nächstes passieren? Wird eh alles gut sein?
Ich lasse den Stein in meine Hosentasche fallen.
Ich halte mir das nächste Steinchen vor die Augen.
… Vergeudete Zeit. Ja, da wären wir beim nächsten Kandidaten. Wie oft hätte ich dankbar sein können in Momenten, in denen ich mir stattdessen die Zeit davonwünschte? Viel zu einzigartig ist die Zeit, als dass ich sie jemals totschlagen dürfte. Wenn ich nur diese Zeit zurückgewinnen könnte.
Auch dieses zweite Steinchen lasse ich in meine Hosentasche fallen.


Frei und schwebend – den Vogel scheint wenig zu kümmern.


Tausende Steine und tausende Lasten.
Ich betrachte den schmalen Wanderweg, auf dem ich gehe. Er ist mit Kieselsteinen bedeckt. Meine Gedanken wandern weiter. Ich trage noch weitere Lasten.
… Vergangene Lügen, die ich erzählt habe und nun aufrechterhalten muss.
Der nächste Stein.
… Entscheidungen, die ich getroffen habe, obwohl sie nicht mit meinen Überzeugungen übereinstimmten.
Wieder ein Stein.
… Ängste, die mich zurückhalten. Unsicherheiten, über die ich nicht hinauswachsen kann. Groll, den ich immer noch hege.
Die Steine springen förmlich vom Weg in meine Hosentaschen.
Und ich merke: Ich trage viel.
Vielleicht ist meine Seele einfach daran gewöhnt, große Lasten zu tragen. Schließlich trage ich diese Lasten, so lange ich mich erinnern kann. Die Seele passt sich an, und irgendwann merkt sie nicht einmal mehr, dass sie noch diese Lasten am Rücken hat.
Ich bin eben wohl zu einem Packesel geworden.
***
Welches gilt es zu bewältigen: den Berg vor mir oder die Last am Rücken?
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Coren McGirr
Autorenprofil:


Schreibt seit 2022.
Liebt das Philosophieren.
Glaubt, dass jede Frage gestellt werden muss.
Wird von Gedanken, Gesprächen und Erlebnissen inspiriert.
Projektprofil:
Der Carnuntiner


Mark Aurel hatte mit diesen Worten wohl Recht.
"Der Carnuntiner" fasst diesen Gedanken auf und ringt mit den wichtigen Fragen des Lebens.

"Die Kunst des Lebens gleicht eher dem Ringen als dem Tanzen."
Meine Oberschenkel brennen.








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