
Wärst du Alexander der Große…
Wie wichtig ist Empathie?
ZEICHEN DER TUGEND
Als Alexander wärst du im makedonischen Reich als Prinz aufgewachsen. Du hättest geglaubt, direkter Nachfahre des Halbgottes Herakles gewesen zu sein. Dein Vater wäre frühzeitig gestorben und hätte dir ein diszipliniertes Heer hinterlassen. Du hättest der Welt zeigen wollen, wie tatkräftig du bist.
Hättest du nicht auch das Perserreich erobert?
Nehmen wir eine andere Person. Eine aus einem ganz anderen Land und einer ganz anderen Zeit:
Was wäre, wenn du Napoleon gewesen wärst?
Hättest du nicht auch einen europaweiten Feldzug gestartet?
Hättest du nicht alles getan, um im frühen 19. Jahrhundert Macht zu ergreifen?
Nochmals andere Personen:
Als Julius Caesar hättest du bestimmt auch Gallien unterworfen. Als Brutus hättest du den guten Julius vermutlich auch ermordet.
Als Richard Löwenherz hättest du an den Kreuzzügen teilgenommen und als Leopold V., Herzog von Österreich, hättest du Richard gefangen genommen.
Und zuletzt ein Beispiel aus einer etwas bekannteren Umgebung: Als Patrick, der Schüler, der andauernd die kleinen Kinder in der Pause gemobbt hat, hättest du bestimmt ebenfalls gemobbt.
Du hättest getan, was diese Personen getan haben, denn sie hatten Beweggründe für ihre Handlungen. Ganz egal, ob dir diese Gründe vernünftig oder irrational erscheinen; ganz egal, ob sie auf aufrichtiger Überzeugung beruhen oder von Angst, Gier, Unsicherheiten oder falschen Vorstellungen ausgelöst werden – sie drängten diese Personen zu ihren Handlungen.
Diese Gedanken bringen mich zum Überlegen:
Vermutlich ist die folgende Behauptung etwas gewagt, aber ich erlaube mir sie trotzdem aufzustellen: „Alles, was jede Person jemals gemacht hat, ist nachvollziehbar, gestattet, ich kenne die Person gut genug.“
Lass dir diesen Satz kurz auf der Zunge zergehen. Wenn ich das Verhalten einer Person nicht verstehe, bedeutet das einfach, dass ich sie nicht gut genug kenne.
Ich bin nie auf den Gedanken gekommen, Persien zu erobern. Ich bin aber nicht als makedonischer Prinz aufgewachsen.
Ich bin nie auf den Gedanken gekommen, einen Feldzug durch Europa zu starten. Ich bin aber nicht Napoleon.
Und was ist mit Patrick?
Ich habe in der Schule niemanden gemobbt; Patrick aber schon. Er wird wohl seine Gründe für solches Handeln gehabt haben. Irgendetwas hat ihn dazu gedrängt. Die Beweggründe waren vermutlich weder aufrichtig noch gut, doch ich wette, ich hätte sie verstehen können, wenn ich mir nur die Zeit genommen hätte.


Löwenherz: Nach den Kreuzzügen in Österreich gefangen genommen. (Quelle: Britannica)


Was bewegte Napoleon dazu, Europa beherrschen zu wollen? (Quelle: Wikipedia)
Und genau DAS ist der Sinn dieses Gedankenexperiments:
In dieser Betrachtung geht es nicht um die oben genannten Personen. Es geht darum, dass andere anders handeln als wir selbst; dass diese Handlungen uns als unverständlich erscheinen können. Und doch sind sie verstehbar, wenn wir die gegebene Person nur gut genug kennen.
Es ist einfach, zu verurteilen, ohne zu verstehen. Doch Empathie muss unbedingt sein, auch wenn Handlungen mir noch so falsch vorkommen mögen – ich kann versuchen zu verstehen. Jeder Mensch hat seine Beweggründe und jeder Mensch kann verstanden werden.
Empathie muss sein.
Geduld muss sein.
Ich muss versuchen, mich in andere hineinzuversetzen.
Ich muss versuchen zu verstehen.
***
Auf in den Osten! Makedonien wird ein Weltreich. Quelle: thedailybeast
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Coren McGirr
Autorenprofil:


Schreibt seit 2022.
Liebt das Philosophieren.
Glaubt, dass jede Frage gestellt werden muss.
Wird von Gedanken, Gesprächen und Erlebnissen inspiriert.
Projektprofil:
Der Carnuntiner


Mark Aurel hatte mit diesen Worten wohl Recht.
"Der Carnuntiner" fasst diesen Gedanken auf und ringt mit den wichtigen Fragen des Lebens.

"Die Kunst des Lebens gleicht eher dem Ringen als dem Tanzen."
Wärst du Alexander der Große gewesen, hättest du nicht auch, wie er, das Perserreich erobert?








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