a toy ambulance is sitting on the floor

Die Lüge (Teil II)

Wichtiger als die Wahrheit selbst?

ZEICHEN DER TUGEND

Coren McGirr

4/20/20263 min lesen

Lügen ist, kurz gesagt, nicht gut.

Lügen ist nie gut.

Wirklich, nie?

Was ist denn mit der Notlüge? Ist die nicht gut?

Gute Frage, schauen wir uns das mal genauer an:

Laut dem Duden-Wörterbuch ist eine Notlüge eine „Lüge, die in einer Notsituation erzählt wird (etwa um jemanden zu schonen oder um etwas Schlimmes zu vermeiden).

Mit dieser Definition treten zwei große Probleme zum Vorschein. Wir müssen uns denen kurz widmen, bevor wir entscheiden können, ob die Notlüge gut oder schlecht ist:

Erstens nimmt die Notlüge an, dass es Dinge oder Werte gibt, die wichtiger sind als die Wahrheit selbst. Ansonsten würde man ja nicht die Wahrheit vertuschen, um den Fortgang einer anderen Sache zu gewährleisten.

Zweitens behauptet die Notlüge zusätzlich, dass dieses „Wichtigere“ eine verzerrte Darstellung der Realität – eine Lüge – braucht, um fortzubestehen. Es wird also angenommen, dass dieses „Wichtigere“ dem grellen Licht der Wahrheit nicht standhalten kann.

Einfach ausgedrückt bedeutet dies:

Wenn ich zu einer Notlüge greife, glaube ich Gutes zu tun. Allerdings werte ich etwas, das eine Lüge braucht, um fortzubestehen, als wichtiger als die Wahrheit.

Das erscheint mir etwas problematisch.

Drei Fragen tauchen auf:

  1. Gibt es denn überhaupt etwas Wichtigeres als die Wahrheit?

  2. Falls „JA“, warum braucht dieses „Wichtigere“ eine Lüge, um erhalten zu bleiben?

    Sollte es nicht ein solides Fundament in der Wahrheit haben, wenn es so wichtig ist?

  3. Und zuletzt: Birgt nicht eine Notlüge dasselbe leere Versprechen wie eine normale Lüge – nämlich, dass man Konsequenzen entfliehen kann.

Was heißt das jetzt? Sind sogar Notlügen schlecht?!

Ich würde es so ausdrücken: Die Notlüge ist sowohl auf moralischer als auch auf philosophischer Ebene trotz ihrer guten Absicht schwer vertretbar.

Sollen wir also wirklich immer die Wahrheit sagen?

Testen wir diese Theorie anhand eines historischen – und vielleicht etwas typischen – Beispiels:

Was ist, wenn ich im nazi-regierten Deutschland Juden in meinem Haus verstecke und die Gestapo bei mir anklopft?

Beide Augen zudrücken, damit die Wahrheit ja nichts sieht.

Im Dachboden versteckt - verraten oder lügen?

Einfach ganz brav die Wahrheit sagen und die Versteckten in die Fänge des Todes ausliefern?

Ja, natürlich habe ich hier Juden versteckt. Ich würde nicht ganz unehrenhaft lügen wollen. Ja nur immer die Wahrheit sagen“ … und ab nach Auschwitz.

Das kann wohl kaum die richtige Antwort sein.

Gibt es eine richtige Antwort?

Kann ich in einer von Hass und Lügen geprägten Situation noch immer die Wahrheit sagen?

Weiter geht’s bald in Teil III.

***

Brenzelige Situation? Die Notlüge kommt angedüst.

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Coren McGirr

Autorenprofil:

  • Schreibt seit 2022.

  • Liebt das Philosophieren.

  • Glaubt, dass jede Frage gestellt werden muss.

  • Wird von Gedanken, Gesprächen und Erlebnissen inspiriert.

Projektprofil:

Der Carnuntiner

Mark Aurel hatte mit diesen Worten wohl Recht.

"Der Carnuntiner" fasst diesen Gedanken auf und ringt mit den wichtigen Fragen des Lebens.

"Die Kunst des Lebens gleicht eher dem Ringen als dem Tanzen."

Im ersten Teil dieser Betrachtung haben wir festgestellt, dass beim Lügen versucht wird, die Realität verzerrt darzustellen. Dabei verfallen die Konsequenzen einer Handlung jedoch nicht wie erhofft, sondern werden lediglich aufgeschoben.

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