
Eine Frage der Authentizität (Teil II)
Zwischen Impuls und Selbstbeherrschung
DER INNERE MENSCH
Drei Minuten verbleiben noch bis zum Abpfiff. Meine Lunge brennt. Meine Waden krampfen.
Ich hetze einem tiefen Laufpass hinterher und nehme ihn an. Vor mir steht nur der Torwart. Eine Finte nach links, dann nach rechts.
Jetzt der Schuss – jetzt oder nie, für den Sieg.
Plötzlich verliere ich den Boden unter meinen Füßen. Ein gegnerischer Verteidiger – eine richtige Kante – rutscht unter mir hindurch. Ich falle rücklings auf den Rasen. Der Abwehrhüne steigt über mich hinweg und schleudert mir provozierende Worte entgegen.
Die Wut steigt in mir schneller auf als der Schmerz. Ich spüre, wie sich meine rechte Hand zur Faust ballt und mir gleich die Sicherungen durchbrennen.
Dann, ganz unerwartet, bleibt die Zeit stehen – alles um mich herum erstarrt.
Ich höre meine innere Stimme: „Wolltest du nicht authentisch sein? Dein wahres ICH stets zeigen?“
Ja, das hatte ich mir tatsächlich vorgenommen: ehrlicher sein; mehr Ich sein; nicht schauspielen, sondern leben.
„Und was passiert hier gerade?“, meldet sich die Stimme abermals. „Lässt du dich nicht von der Wut verleiten?“
Von der Wut verleiten? Nein. Diese Wut ist echt. Sie ist DAS Authentischste! Ich spüre sie wirklich. Sie zu unterdrücken wäre eine Lüge.
„Du spürst sie wahrlich – das ist verständlich. Und wie möchtest du mit dieser Wut umgehen? Dir wurde Unrecht angetan. Wie erwiderst du dieses Unrecht?“
Zuerst werde ich mal diesem Hünen meine Meinung sagen, dann werde ich eine Rote Karte kassieren. Das wäre das Authentischste.
„Und deine Werte? Wo bleiben die?“
Stille.
„Du spürst den Konflikt jetzt in dir. Was sind denn deine Werte?“
Ich überlege. Schließlich habe ich ja Werte: Ich möchte stets geduldig sein. Ich möchte meinen Nächsten lieben. Ich möchte aufrichtig vergeben, diszipliniert handeln und mich ehrenhaft verhalten.
„Spiegeln sich diese Werte in deiner Wut wider?“
Aber man muss auch erkennen, was hier passiert ist: Der Typ glaubt, er kann mit so einem dreckigen Foul davonkommen!
Der Hüne baut sich vor mir auf.


Wer schafft es, den Impuls zu zügeln? (Quelle: nytimes.com)
„Und was ist nun authentischer?“
Diese Stimme! Immer wieder meldet sie sich zu Wort!
„Wer bist du wirklich – der Impuls oder die Selbstbeherrschung?
Wieder Stille.
Ich weiß nicht.
„Im Grunde sind beide gleich authentisch.
In Situationen wie diesen bestimmst DU, wer du bist. Reagierst du impulsiv mit Wut und Ärger, so ist dies authentisch für dich. Du hast natürlich Werte, aber in hitzigen Momenten gibst du sie auf und wirst vom Impuls, wie von wilden Pferden, in die Schlacht hineingezogen.
Schaffst du es, diese Pferde zu zügeln, so ist das ebenfalls authentisch. Und dies bedeutet nicht, dass du niemals Wut empfunden hast, sondern lediglich, dass du ihn zu zäumen weißt. Deine Werte sind dir so wichtig, dass du sie selbst in Momenten wie diesen nicht aufgibst.
Authentisch bin ich also immer.
Die Frage ist allein, WER ich sein werde – wer ich bin: einer, der vom Impuls getrieben wird, oder einer, der seinen Werten treu bleibt?
Die Welt beginnt sich wieder zu drehen – so plötzlich, wie sie erstarrt war.
Ich liege noch am Rücken, der Verteidiger steht breitbeinig über mir. Sein Schimpfen prasselt auf mich ein.
Ich erkenne: Ich habe eine Entscheidung zu treffen.
***
Ein letzter Angriff, und die Authentizität wird auf die Probe gestellt.
Bleibe auf dem Laufenden!
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Coren McGirr
Autorenprofil:


Schreibt seit 2022.
Liebt das Philosophieren.
Glaubt, dass jede Frage gestellt werden muss.
Wird von Gedanken, Gesprächen und Erlebnissen inspiriert.
Projektprofil:
Der Carnuntiner


Mark Aurel hatte mit diesen Worten wohl Recht.
"Der Carnuntiner" fasst diesen Gedanken auf und ringt mit den wichtigen Fragen des Lebens.

"Die Kunst des Lebens gleicht eher dem Ringen als dem Tanzen."
Klicke hier, um den ersten Teil dieser Betrachtungsreihe zu lesen.
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