
Die Lüge (Teil III)
In Anbetracht des Kontextes
ZEICHEN DER TUGEND
Die Lage ist ernst: Ich möchte nie wieder lügen.
Was passiert aber jetzt?
Ein Vierjähriger zeigt mir stolz seine Zeichnung einer Katze. Er fragt, ob sie schön ist.
Ich sage „Nein“, denn die Katze hat nur drei Beine und ist kaum als solche erkennbar.
Ein älterer Herr hat den Mut gefunden, zum ersten Mal ein paar Griffe auf der Gitarre zu lernen. Er fragt, ob sich seine Spielerei gut anhört.
Ich sage „Es hört sich schrecklich an“, denn es klingt tatsächlich schrecklich.
Die NS-Gestapo steht vor meiner Tür und erkundigt sich, ob ich Juden im Haus verstecke.
Ich sage „Ja“, denn ich habe sie aufgenommen, um sie vor einem grauenhaften Schicksal in Auschwitz zu bewahren.
In diesen drei Beispielen war ich auf wörtlicher Ebene stets ehrlich. Mir ist aber ein schwerwiegender Fehler passiert: Ich habe die gestellten Fragen aus dem Kontext gerissen. Ich habe den Kontext ignoriert.
Wörter, Sätze und Fragen existieren nicht in einem Vakuum. Sie sind stark von ihren Umständen abhängig. Ihre Bedeutung variiert je nach Kontext.
So gibt es auf eine einzelne Frage genauso viele ehrliche Antworten wie Kontexte, in die sie gesetzt werden kann.
„Ist meine Zeichnung schön?“, fragt das Kind. Ich höre die Frage, berücksichtige den Kontext und verstehe, dass es hier um viel mehr geht als nur um Kunstkritik. Das Kind ist vier. Es tobt sich kreativ aus. Es braucht Ermutigung und sucht Bestätigung.
Die Zeichnung ist beeindruckend, weil das Kind nur vier Jahre alt ist. Die ehrliche Antwort im gegebenen Kontext ist: „Ja, deine Zeichnung ist toll! Weiter so!“
Einem bewährten Künstler, der dieselbe Frage stellt und konstruktive Kritik hören möchte, würde ich jedoch eine ganz andere Antwort geben – allerdings noch immer genauso ehrlich.
Beim älteren Herrn ist es ebenso. Es ist herausfordernd, im Alter etwas Neues zu lernen. Es ist auch inspirierend, und Gitarrenvirtuose wird man nicht an einem Tag. „Du machst richtig gute Fortschritte“, kann ich ehrlich sagen, denn er hat gerade erst angefangen.
Wie sieht es denn mit der Gestapo aus?


Leonardo da Vinci wäre Stolz.


Wer versteckt sich im Haus? Der Kontext beeinflusst den Inhalt der Frage.
Ihre wortwörtliche Frage ist klar: Sind Juden im Haus versteckt?
Der historische Kontext enthüllt jedoch deren finstere Absicht: Es ist 1940 in Hitler-Deutschland. Juden und sonstige Unerwünschte werden verfolgt und ermordet. Das NS-Regime raubt Millionen Menschen ihr Lebensrecht.
Die wahre Frage, die gestellt wird, ist eine ganz andere:
„Sind in deinem Haus Untermenschen versteckt, die weder das Recht auf Freiheit noch das Recht auf Leben verdienen?“
Die ehrliche Antwort darauf?
„NEIN.“
„Nein, hier habe ich keine Untermenschen versteckt.“
Man könnte nun natürlich meinen, dass diese Antworten alle Notlügen seien. Dazu fehlt aber das eine charakteristische Merkmal der Lüge: Es wird nicht versucht, die Realität verzerrt darzustellen. Stattdessen wird genau das Gegenteil getan: Die Realität wird so genau wie möglich beobachtet, indem der Kontext berücksichtigt wird.
Im Gestapo-Beispiel wird sogar mit der ehrlichen Antwort die Lüge des NS-Regimes entkräftet. Das Regime behauptet – gegen jedes Zeugnis der Realität – dass Juden kein Recht auf Leben haben.
Die ehrliche Antwort steigt nicht auf diese Lüge ein.
Sie entzieht sich ihr.
Sie weigert sich, der Lüge zu glauben.
Und genau darin liegt ihre Wahrheit.
***
Brenzelige Situation? Die Notlüge kommt angedüst.
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Coren McGirr
Autorenprofil:


Schreibt seit 2022.
Liebt das Philosophieren.
Glaubt, dass jede Frage gestellt werden muss.
Wird von Gedanken, Gesprächen und Erlebnissen inspiriert.
Projektprofil:
Der Carnuntiner


Mark Aurel hatte mit diesen Worten wohl Recht.
"Der Carnuntiner" fasst diesen Gedanken auf und ringt mit den wichtigen Fragen des Lebens.

"Die Kunst des Lebens gleicht eher dem Ringen als dem Tanzen."
Im ersten Teil dieser Betrachtungsreihe haben wir erkannt, dass Lügen nicht gut ist.
Im zweiten Teil sind wir zum Schluss gekommen, dass selbst die Notlüge nicht vertretbar ist.
Nun kommt der dritte Teil.








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